Archiv 2019


 


In 2019 fokussiert sich der Ringlokschuppen Ruhr unter der Rahmung „New Na(rra)tions“ auf internationale Positionen aus Zentralafrika und dem arabischen Raum, deren Perspektiven auf europäische Diskurse und die bis dato unbewältigte Vergangenheit der Kolonialzeit, sowie die erkennbaren Konsequenzen derselben in der Ordnung unserer Gegenwart.


Dem Ringlokschuppen Ruhr ist bewusst, dass es zunächst einmal darum gehen muss, einen Raum zu schaffen, in dem sich widersprüchliche Lebensweisen, Positionen und Perspektiven anerkannt fühlen können. Das bedeutet auch, dass die inter- und transkulturellen idealisierten Projektionen weißer, europäischer Theatermacher*innen oder anderer Kulturschaffender in ihrer ideengeschichtlichen Verstrickung und Eigenlogik „weiß“ und nicht herrschaftsfrei bleiben. Das Kuratieren internationaler Kunst muss vorerst (und sehr wahrscheinlich für einige Zeit) als ein an sich zu problematisierender Vorgang betrachtet werden.


Die Dimension impliziter Exotismen, Traumata und Diskriminierungen, die unbewusst vorhanden bleiben, lassen sich nicht ad hoc auflösen, jedoch bewusst und sichtbar machen. Dabei kann es nicht um das Aufheben von Differenz, sondern nur um das Aushalten von Ambivalenz gehen. Beispielsweise verhandelt das Stück Sawtche Baartman: Une Histoire. Une Vie des kamerunischen Regisseurs Martin Ambara den widersprüchlichen Zusammenhang von Projektionen, Wünschen und Triebunterdrückung, welcher als psycho-soziale Grundlage des Rassismus gilt.


Als Jubiläumsprojekt gefördert von der Kunststiftung NRW.



Martin Ambara / OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé


Seit 2013 arbeitet der Ringlokschuppen Ruhr mit Martin Ambara, dem Regisseur und Künstlerischen Leiter des OTHNI Theaters (Objet Théâtrale Non Identifié) in Yaoundé (Kamerun), zusammen. Mit kainkollektiv wurden bereits zwei sehr erfolgreiche Koproduktionen auf den Weg gebracht. Für 2019 sind zwei weitere Zusammenarbeiten mit Martin Ambara geplant. In seinen Arbeiten spürt er den Zurichtungen des französischen Kolonialerbes nach und wirft komplexe Fragen nach kulturellen Identitäten der in Kamerun lebenden Menschen auf. Dabei changiert er zwischen den rituellen Stammestraditionen und deren performativer, postmoderner Überschreibung.


Hamletmaschine

Heiner Müllers Hamletmaschine bleibt für Ambara dabei ein (bisher) theoretischer Fluchtpunkt, der es immer noch vermag, den Spagat zwischen unterdrückter Tradition und marodierender Moderne produktiv als ästhetischen Überbau zu befeuern. Ambaras postkoloniale Relektüre der Hamletmaschine offenbart in Müllers gewaltigen und gewalttätigen Sprachbildern „die afrikanische Erfahrung“ (Ambara) der Entfremdung und des Identitätsverlusts, durch die vielfachen Zumutungen der Kolonialisierung.

Koproduktion des OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé (Kamerun) mit Ringlokschuppen Ruhr



Martin Ambara / OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé , Hamletmaschine, Szenenfoto, Foto: Nils Voges



Sawtche Baartman: Une Histoire. Une Vie

Der Ringlok­schuppen Ruhr plant für 2019 neben der Koproduktion Hamletmaschine mit Ambaras OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé das Gastspiel Sawtche Baartman: Une Histoire. Une Vie. Martin Ambara wirft sehr widersprüchliche fiktive Blicke auf die Figur der Sawtche Baartman. Sawtche Baartman wuchs im heutigen Südafrika auf und wurde aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten Anfang des 19. Jahrhunderts nach Europa verschleppt, um dort als sogenannte „Hottentotten-Venus“ ausgestellt zu werden. Sie wurde die perfekte Projektionsfläche für weiße, männlich-exotistische Fantasien. Was dachten und empfanden die Zuschauer in Europa beim Anblick der Frau, die in einem Zoo-Käfig öffentlich ausgestellt wurde? Wer war diese Frau wirklich und wer war sie in ihrem eigenen Selbstverständnis? Ein spätes Opfer der Sklaverei? Eine selbstbestimmte Künstlerin? In seiner Inszenierung geht Martin Ambara über die biographische Auseinandersetzung hinaus, um die Frage nach dem Selbstverständnis der schwarzen Gesellschaft heute und die fehlende Auseinandersetzung mit dem Erbe der Kolonialzeit zu stellen.

Gastspiel des OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé


Premiere am 12. April 2019 im RLS



Martin Ambara / OTHNI-Laboratoire de Théâtre de Yaoundé , Sawtche Baartman, Szenenfoto, Foto: Nils Voges



Christian Etongo / Multikulti Project Association


An einem strukturell ähnlichen Punkt wie Ambara arbeitet der kamerunische Performancekünstler Christian Etongo, der traditionelle Mythen und Rituale performativ überschreibt, um eine Art „neuen (zentral-)afrikanischen Kulturbegriff“ zu begründen. Etongo gilt in Kamerun als Hauptvertreter der „Art Performance.“


The Rites of Purification: For a Better World

Mit einem traditionellen Ritual, welches seit 2011 als Basis seiner Arbeit dient, gelingen Etongo komplexe performative Aufstellungen im öffentlichen Raum, welche Fragen nach der verdrängten Schuld und den traumatischen gesellschaftlichen Trennungen an die Stadtgesellschaft stellen.

 „The "Tso" is a rite of purification of the Beti people of Cameroon, whose ritual consists in confronting the victims and their executioners, the executioners have the obligation to ask forgiveness, and the victims have the obligation to forgive . I use elements of the ritual to create and put humans in conditions of living together, without fear of "the other". I propose in the city of Mulheim to discuss with the inhabitants and to carry out an internal work to tell each one his history, to highlight the hidden wounds.“ (Etongo)

Die Arbeit ist prozessual angelegt. Christian Etongo geht mit in Mülheim ansässigen Migrant*innen und Geflüchteten aus afrikanischen Ländern gemeinsam auf die Suche nach Spuren von afrikanischen Traditionen und Ritualen in der Diaspora. In Kooperation mit Mitgliedern der Silent Universität und den Afromülheimers e.V.

Koproduktion mit Christian Etongo / Multikulti Project Association



Rabih Mroué


Der libanesische Theatermacher Rabih Mroué beschäftigt sich zumeist mit der politischen Situation im Libanon und im Nahen Osten und verbindet fiktive Texte und Dokumente. Mit der Vermischung von Fakten und Fiktionen als kompositorische Methode gelingt ihm ein künstlerischer Zugriff auf ansonsten schwer zu begreifende, erschütternde Ereignisse, zumeist geprägt durch seine Kindheit und Jugend im Bürgerkrieg. Mit seinen installativen Arbeiten war er auf der documenta 13 und Theater der Welt 2014 vertreten. Im Ringlokschuppen Ruhr trat er bereits im Rahmen des Impulse Theater Festivals 2015 auf.


Rima Kamel

In Rima Kamel verfolgt der Regisseur Rabih Mroué gemeinsam mit der libanesischen Sängerin Rima Khcheich die Spuren ihrer frühen Karriere als singender Kinderstar, die schon im Alter von neun Jahren unter dem Namen „Rima Kamel“ für ihre „Jahrhundertstimme“ gefeiert wurde. Die heute 42-Jährige stammt aus dem Süden des Libanon. Als dieser im Libanon-Feldzug von israelischen Streitkräften besetzt wurde, floh ihre Familie nach Beirut. In den 1980er-Jahren wurde sie am Rande ihrer Auftritte als "Stimme der Nation“ nach ihrer Herkunft und Fluchtgeschichte befragt und somit im politischen Kampf instrumentalisiert. Mroué zeigt anhand der besonderen Geschichte einer einzelnen Person, wie das Biografische immer auch von der kulturellen und politischen Lage eines Landes geprägt ist. Eng verbunden mit der Geschichte des Libanon zwischen Modernität und Tradition, wendet sich die erwachsene Rima Khcheich auf der Bühne ihrem kindlichen Ich zu, um die Bürden der Vergangenheit aufzudecken, die bis in die Gegenwart hineinragen.

Gastspiel der Münchener Kammerspiele


Premiere am 15. November 2019 im RLS



Rima Kamel, Foto: Judith Buss



Amirhossein Mashaherifard


Mashaherifard ist ein iranischer junger Künstler, geboren in Teheran, der dort an der renommierten Soore Universität studierte und derzeit für verschiedene Projekte zwischen Deutschland und Iran pendelt. Eine der bemerkenswertesten Episoden der Truck Tracks Ruhr, die von Rimini Protokoll 2016 in Zusammenarbeit mit dem Ringlokschuppen Ruhr und Urbane Künste Ruhr auf die Reise geschickt wurden, stammt von ihm. In den vergangenen Jahren war er Mitglied des Studiengangs der Szenischen Forschung an der Ruhr-Universität Bochum und ist Mitbegründer des Performance-Kollektives tehran re:public.


Aftermath

2019 entstand Aftermath als interdisziplinäre Arbeit in Koproduktion mit dem Ringlokschuppen Ruhr. Aftermath erzählt von den Ereignissen im Leben, die alles verändern. Plötzliche, unabsehbare Wendepunkte, nach denen eine Rückkehr zum vorherigen Stand der Dinge nicht mehr möglich und die Auswirkungen für die Zukunft noch nicht absehbar sind. Biografien, Gesellschaften und selbst Geschichte sind danach nicht mehr dieselben. Der Augenblick als Momentum, das alles Vorangegangene für immer verändert. Sind diese Momente aufrufbar, manifestierbar in Gestalt von Gesten, Sprache, Körpern und Medien? Können wir uns des Potentials dieser Ereignishaftigkeit bemächtigen? Haben sie eine politische progressive Kraft oder eine genuin zerstörerische, traumatische Dimension? Mit Tanz, Sprache, Sound und Bild arbeitet das Stück an dem Phänomen dieser situativen Zwischenzeit und den langen Nachwirkungen ihrer erbarmungslosen Progression.

Produktion von Ringlokschuppen Ruhr


Premiere am 29. März 2019 im RLS



Amirhossein Mashaherifard, Aftermath, Foto: Robin Junicke



KGI


KGI gründete sich 2013 aus Absolvent*innen der ATW Gießen, des Regiezweigs der HfS Ernst-Busch und der HfbK Hamburg. Die Gruppe versucht, unterschiedliche emanzipatorisch-politische und ästhetische Positionen auszuhandeln und für ein egalitäres Theater der kommenden Gemeinschaft fruchtbar zu machen. Im Ringlokschuppen Ruhr waren seit der Spielzeit 2013 bereits fünf Produktionen zu sehen.


Und jetzt alle – eine Oper

Geschichte ist die Geschichte der Gewinner. Die Verlierer werden häufig aus der Geschichte und ihrer Erzählung ausgeschlossen. Und auch heute gibt es zahlreiche Orte in unserer Gesellschaft, an denen bestimmte Menschen und ihre Geschichten nicht vorkommen. So steht die Oper im (Ver-)Ruf ein elitärer Ort für ein erlesenes und geschultes Publikum zu sein. Wie Orpheus' Frau Eurydike im Hades, bleibt der größte Teil der Gesellschaft von der Oper ausgeschlossen. Dabei ist die Oper doch ein Ort des Gemeinsamen, weil sie über eine inklusive und universale Sprache verfügt: die Sprache des Gefühls.

KGI möchten das Ausgeschlossene und Eingeschlossene wieder zusammenbringen. Im Rahmen des Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes wird das Performance-Kollektiv KGI mit einer Gruppe von Menschen aus Gelsenkirchen und Mülheim, die keine Opernerfahrung haben, Körper, Gebärden, Klänge, Geschichten und Geschichte der Oper im Hinblick auf eine Sprache des Gemeinsamen untersuchen und sie im Rahmen einer Stückentwicklung für eine Opernperformance transformieren.

Im Rahmen von Das Symptom der Oper – ein gemeinsames Vorhaben von KGI, Musiktheater im Revier und Ringlokschuppen Ruhr in 2019 und 2020 – gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes und von der Kunststiftung NRW.


Premiere am 28. Juni 2019 im Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen; ab 4. Juli 2019 im RLS



KGI , Foto Björn Stork



Die Policey

Polizeiaufgabengesetze werden massiv verschärft. Daher laden uns die Theater-Trickbetrüger*innen von KGI vor, zum Verhör über das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Polizei, Freiheit und Sicherheit. Schiller war in seinem Dramenfragment überzeugt: Für die moderne Gesellschaft brauche es eine Wiedergeburt des Dramas aus dem Geiste der Polizei. Fortan sei jedes Stück eine Ermittlung und die ausgeleuchtete Bühne das Beobachtungsmedium. Das Theater als Vorbild für den Polizeistaat? KGI nehmen die Ermittlungen auf!


Premiere am 22. November 2019 im RLS



KGI, Die Policey, Foto: Björn Stork