John Akomfrah,
Museum Kurhaus Kleve


John Akomfrah, Purple, 2017, 6 channel HD colour video installation with 15.1 surround sound, dimensions variable, 62 minutes © Smoking Dogs Films; Courtesy Lisson Gallery.



Die Arbeiten des britischen Künstlers, Filmemachers und Autors John Akomfrah (*1957 in Accra, Ghana) zeichnen sich durch bildmächtige Recherchen zum Postkolonialismus, zu Erfahrungen im Umfeld globaler Migration und durch Meditationen über die weltweite ökologische Zerstörung aus. Sie weisen komplexe simultane Erzählstrukturen auf, die den Fundus kollektiver Erinnerungen befragen und in der schichtweisen Überblendung von Archivmaterial, eigenen Aufnahmen, Naturpanoramen und strukturierendem Sound höchste Wahrnehmungsintensitäten erzeugen. Sie sind gleichermaßen von suggestiver Schönheit und von tiefer Melancholie geprägt und verstehen sich als filmische Antworten auf unsere Epoche des Anthropozäns.


Im Museum Kurhaus Kleve hat John Akomfrah die erste Ausstellung in Deutschland überhaupt und zeigt sein bisher ambitioniertestes Projekt: die einstündige 6-Kanal-Video-Projektion Purple aus dem Entstehungsjahr 2017. Sie wurde bisher präsentiert in der Barbican Art Gallery London, im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza Madrid, im Bildmuseet Umeå, im Museo Coleção Berardo Lissabon, im Institute of Contemporary Art Boston und im Museum of Contemporary Art Garage Moskau. Diese Arbeit versteht sich als mittlerer Teil einer Trilogie, die mit dem Film Vertigo Sea (erstmals gezeigt 2015 auf der Biennale Venedig im Rahmen der von Okwui Enwezor kuratierten Schau All the World’s Futures) begann und die mit der ebenfalls auf der Biennale Venedig 2019 im Ghana-Pavillon gezeigten Arbeit Four Nocturnes ihren weithin beachteten Abschluss fand.


In sechs miteinander kommunizierenden Screens entwickelt Purple einen Bild-Sog, der in eindringlichen Sequenzen Aspekte des Klimawandels und dessen Auswirkungen auf menschliche Gesellschaften untersucht. Es wird die Geschichte der Industrialisierung der Moderne mit qualmenden Fabrikschloten, schuftenden Bergarbeitern und rasender Fließbandproduktion ebenso vor Augen geführt wie die damit verbundenen Errungenschaften für größere Schichten der westlichen weißen Bevölkerung. Zugleich wird von Beginn auf die Verheerungen, Vergiftungen und Verseuchungen verwiesen, denen Meere, Landschaften und Städte in immerfort steigendem Maße ausgesetzt sind. Die singuläre Qualität der Bildsprache John Akomfrah’s besteht aber nun gerade darin, aus diesen tagespolitisch bekannten Fakten ein filmisches Gewebe zu schaffen, dass den medienimmunen Betrachter erreicht.


Das Prinzip der simultanen Montage und der harten Schnitte erweist sich hier einmal mehr als probates Mittel, um die Spannbreite heutiger Welterfahrung zur Anschauung zu bringen. Der kalkulierte Wechsel von filmischem Schwarzweiß und Farbe, von Archivmaterial, Spielfilmen, Dokumentationen und eigenen Aufnahmen erzeugt dabei einen Weitblick, der die Begrenztheit jeder individuellen Erinnerung aufbricht zugunsten eines polyperspektivischen Horizonts.


Text: Harald Kunde, Museum Kurhaus Kleve



John Akomfrah, Purple, 2017, 6 channel HD colour video installation with 15.1 surround sound, dimensions variable, 62 minutes © Smoking Dogs Films; Courtesy Lisson Gallery. Photography by Justin Piperger.



John Akomfrah

Purple

bis 6. September 2020


Museum Kurhaus Kleve

Tiergartenstraße 41

47533 Kleve