Orly Zailer


ORLY ZAILER Bronner Residency 2020



Orly Zailer, Foto: Klaus-Sievers.



Die israelische Fotografin Orly Zailer lebte und arbeitete sechs Monate im Rahmen der Bronner Residency in Düsseldorf-Reisholz.


Orly Zailer war Stipendiatin der Bronner Residency in 2020. Die 1982 in Israel geborene Künstlerin widmet sich der fotografischen Beobachtung von Menschen, ihren Beziehungen und Lebensräumen. In ihrer bekanntesten Arbeit, der Fotostrecke „The Time Elapsed Between Two Frames“, stellte sie alte Familienfotos mit den nachfolgenden Generationen stilistisch und detailgetreu nach und fragte nach den Parametern von familiärem Erbe und Individualität.


Für ihr neues Fotoprojekt wechselt sie die Perspektive. Ins Zentrum rückt sie diesmal nicht das Motiv, sondern die fotografierende Person selbst. Dafür mimt sie drei fiktive Düsseldorfer Persönlichkeiten, deren Leben beruflich und privat durch Fotografie geprägt sind. In der Rolle der drei Alter Egos Peter, Andrea und Ernst lernt Zailer die Stadt multiperspektivisch kennen: Privatdetektiv Ernst nähert sich der Stadt und ihren Bewohnern durch die fotografischen Elemente der Ermittlungsarbeit und als Hobby-Tatort-Fotograf. Peter, der im Sicherheitsservice des Museum Kunstpalast und des NRW-Forums für die Videoüberwachung verantwortlich zeichnet, erfindet in ruhigen Stunden Geschichten über die liebgewonnenen Museumsbesucher, die er in den Sicherheitsaufzeichnungen sieht. Und Hochzeitsfotografin Andrea stellt sich der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Oberkasseler Familie. „Ein Teil von mir steckt in jeder meiner Figuren“, erzählt Zailer. In ihnen begegnet sie jedoch nicht nur sich selbst. Sie helfen ihr auch, die allgegenwärtige Fotografie in ihren verschiedenen beruflichen und künstlerischen Facetten zu erfassen. Wie sich die Lebensgeschichten ihrer drei Kunstfiguren entwickeln würden, stand übrigens keinesfalls von vorn herein fest. Oft sind es Zufallsfunde, die sich schicksalhaft mit der Biografie ihrer Figuren verbinden. In alten Fotografien und Familienalben – found footage, die Zailer gezielt auf Flohmärkten sucht – findet sie die Gesichter ihrer Figuren und mit ihnen ihre Familiengeschichten. Auf diese Weise entstehen fotografische Stammbäume, die ihre eigenen Tragödien und Freuden offenbaren. Manchmal ist es eine Notiz auf der Rückseite eines nostalgischen Fotos, die Zailer zur Neu- und Umformulierung der Biografien inspiriert. So verrät der Blick auf eigentlich zusammenhangslose Fotografien überraschende Schicksale.


Orly Zailers Düsseldorfer Fotonarrative verweben Fiktion und Wirklichkeit. Zur Vertiefung der Stadt- und Menschengeschichten verlässt sie sich nicht nur auf die Fotografie, sondern entwickelt Performances mit Schauspielerinnen und führt Videointerviews mit Menschen, die ihren Alter Egos auf erstaunliche Weise ähneln. Im Ergebnis ist es eine Verdichtung aus Fotografie, Text, Sound und Video, die die drei Geschichten erzählt.

Das Motiv der Zeitlichkeit, das für ihre bisherigen fotografischen Arbeiten maßgebend ist, entwickelt Zailer durch die über Generationen hinweggreifenden fiktiven Familiengeschichten auch in diesem Projekt weiter. Was Orly Zailer diesmal jedoch angeht, ist die Frage nach der Autorschaft des Fotos, die ihr konzeptueller Ansatz provoziert.


Text: Maike Beier



Orly Zailers Studio, 2020.



Orly Zailers Studio, 2020.