Avatar, Atavismus und Kunst der Türken


Zwei Ausstellungseröffnungen am 21. August in Düsseldorf, an einem Tag und unter einem Dach: „Ava­tar und Ata­vis­mus. Outside der Avant­gar­de“ in der Kunsthalle sowie „Die Kunst der Türken“ im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen – beide von der Kunststiftung NRW gefördert.


Die Ausstellung „Ava­tar und Ata­vis­mus. Outside der Avant­gar­de“ macht ein Phänomen sichtbar, das im überraschenden Auftauchen von Köpfen, Händen und anderen Körperteilen einen archetypischen Anker in die Kunst der 1980er Jahre setzt. Namhafte Vertreter westlicher Kunst begehren auf gegen die Errungenschaften der Moderne – Abstraktion und Konzeptualität. Seit der Transavantgarde um 1980 sind animistische Momente im Spiel, die sich im „zerstückelten Körper“ (Jacques Lacan), dem Tier als Alter Ego und anderen Chiffren des „Wilden Denkens“ (Claude Lévi-Strauss) äußern. Die enge Bindung an Outsider-Kunst ist dabei nicht zu übersehen. Die Ausstellung zeigt bekannte Künstlerinnen und Künstler mit Arbeiten zwischen Obsession, Narration und Ironie, wie sie seit der postmodernen Wende nach 1978 möglich geworden sind. Es beginnt mit Walter Dahn, Martin Disler und Jiří Georg Dokoupil. Im folgenden Jahrzehnt lassen sich wie eine animistische Kette Positionen von Franz West, Rosemarie Trockel, Günther Förg, Thomas Schütte und Mike Kelley ausmachen. Vorgänger sind Louise Bourgeois und Maria Lassnig, Georg Baselitz und Bruce Nauman. Avatare jüngerer Künstler stammen u.a. von Sarah Lucas, Dana Schutz, Kai Althoff, Thomas Zipp, André Butzer, Andy Hope 1930, John Bock, Tal R, Jonathan Meese oder Eva Kot’átková. Den Eingang und Zugang zu diesen gut dreißig Jahren Körper-Piktogrammen bilden Konvolute von gegenwärtiger Outsider-Kunst, meist aus dem klinischen Bereich. Kuratiert wird die Ausstellung von Veit Loers mit Gregor Jansen und Pia Witzmann.


Louise Bourgeois, Femme, 2005 | Ursula Hauser Collection, Schweiz © VG Bild-Kunst, Bonn 2015


Die Frage, was Kunst eigentlich ist, hängt untrennbar mit der Frage zusammen, wem sie gehört. Gleichwohl ist es alles andere als leicht, die Eigentumsverhältnisse der Kunst zu klären. Und es nimmt kaum Wunder, wenn sie von verschiedensten Seiten, von Staat und Kapital, Religion und Aufklärung, von den für die Kunst geschaffenen und durch sie hervorgebrachten Institutionen, beansprucht wird. Beansprucht wird sie – gerade in der Praxis – zuerst einmal von den Künstlerinnen und Künstlern selbst. Denn niemand ‚hätte’ die Kunst so ohne weiteres und könnte frei darüber verfügen. Eine Kunst der Türken kann es deshalb ebenso wenig geben wie die Kunst der Deutschen, des Vatikan, der Sheikha Hoor Al-Qasimi oder eine Kunst der kritischen Praxis. „Die Kunst der Türken“ kann somit nur – aber eben immerhin – eine Fiktion sein. Die von Manuel Graf und Hans-Jürgen Hafner kuratierte Ausstellung stellt eine Fiktion her. Die Ausstellung imaginiert anhand von eigens dafür konzipierten künstlerischen Beiträgen, historischen und aktuellen Kunstwerken, Publikationen und Dokumenten, Vorträgen und Talks aus der Perspektive von heute eine moderne Kunst der Türken. „Die Kunst der Türken“ ist der Entwurf einer hypothetischen Staatskunst, so wie sie gleichzeitig die Sammlung von konkreten, historischen und gegenwärtigen künstlerischen Ausdrucksformen, von subjektiven Ansprüchen an die Kunst ist. Die Ausstellung stellt einen Konvergenzpunkt zwischen den unterschiedlichsten Beanspruchungen der Kunst her, der gleichzeitig die Unmöglichkeit einer solchen Konvergenz zeigt. Mit u.a. Abdullah Frères, Haluk Akakçe, Erdag Aksel, Fikret Atay, Bedri Baykam, Rudolf Belling, Berthold Reiß, Bruno Taut und Yazbukey.


© Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen