RESIDENZEN
VISUELLE KUNST


Jasmin Werner und Pablo Schlumberger, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.



„Ein besonderer Ort in einer besonderen Zeit“

Rundgang durch die Ateliers der Stipendiat*innen der Residence NRW+ in Münster



„Mir hilft es sehr, den ursprünglichen Ort, an dem ich arbeite, zu verlassen und an einem anderen Ort Resident zu werden“, sagt der Kuratoren-Stipendiat Hanns Lennart Wiesner in der großen Runde im Gemeinschaftsraum der neuen Residence NRW+ in Münster. Es geht im Gespräch mit den Stipendiat*innen Sarah Buckner (*1984), Sami Schlichting (*1987), Pablo Schlumberger (*1990), Jasmin Werner (*1987) und Hanns Lennart Wiesner (*1988) darum, wie essentiell es ist, Zeit zu haben, um konzentriert an Projekten arbeiten zu können. Auch der Austausch untereinander ist es, der ihre künstlerischen und kuratorischen Arbeiten begünstigt. „Im Dialog mit Künstler*innen und anderen Kurator*innen, wie es in diesem Programm vorgesehen ist“, fährt Hanns fort, „entsteht für mich sehr viel. Deshalb ist ein Stipendium wie dieses ein Format, das für meine Arbeit total Sinn macht, auch, um den Werdegang von Künstler*innen und Kurator*innen zu unterstützen.“


Im Juli 2020 startete das neue Förderprogramm Residence NRW+: Es ist ein Residenzstipendium für junge Künstler*innen und Kurator*innen, das von der Kunststiftung NRW mitinitiiert wurde und auf der Idee des vorausgegangenen Stipendienprogramms Schloss Ringenberg basiert. Die Kunststiftung NRW vergibt jährlich zwei Künstlerstipendien und stellt darüber hinaus Projektgeld zur Verfügung. Das nun in Münster verortete, doch mit Ausstellungshäusern in ganz NRW zusammenwirkende Programm ist u.a. an die Kunsthalle Münster angegliedert, und so berichten die Direktorin der Kunsthalle, Merle Radtke, und Marcus Lütkemeyer, der für die Konzeption und die inhaltliche Umsetzung der Residence NRW+ verantwortlich ist, von den Zielen des neu ausgerichteten Residenzprogramms, das langfristig im kulturellen Kontext der Stadt und künftig auch in einem eigenen Gebäude in Münster verankert werden soll. Was das Programm über die Förderung der individuellen künstlerischen und kuratorischen Praxis auszeichnet, ist, den Diskurs zwischen den Stipendiat*innen und insbesondere mit den kooperierenden Institutionen zu stärken: das heißt, die Stipendiat*innen durch persönliche Ansprechpartner auch über das Stipendienprogramm hinaus in ein weitreichendes Netzwerk in NRW produktiv einzubinden, um dadurch nachhaltig eine Professionalisierung ihrer Arbeit zu begünstigen.



Foto: Stephan Lucius Lemke.



Die ersten Residence NRW+-Stipendiat*innen, deren Aufenthalte sich über einen Zeitraum von sechs Monaten bis zu einem Jahr erstrecken, leben und arbeiten nun seit einigen Wochen in der Residenz, die sich aktuell in einem ehemaligen, nun umgebautem Sportlerheim – „Die Hütte“ – am nördlichen Stadtrand von Münster befindet: Individuelles Arbeiten im eigenen Atelier und geteiltes Wohnen strukturieren den Alltag der Stipendiat*innen, die im Rahmen des monatlichen „Hüttentischs“ zum künstlerisch-inhaltlichen und kollegialen Austausch auch mal gemeinsam die Skulpturen im öffentlichen Raum der Skulptur Projekte Münster besuchen.



Hanns Lennart Wiesner, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.


Primär steht die eigene Arbeit im Vordergrund und das, was den Stipendiat*innen durch das Residenzprogramm ermöglicht wird: „Ich schätze hierbei die Anbindung an unterschiedliche Institutionen in NRW, in denen ich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch meine Projekte umsetzen kann“, erzählt Hanns Lennart Wiesner . Wir sind in seinem Arbeitsraum, in dem er zahlreiche Abbildungen von Kunstwerken an den Wänden arrangiert und zueinander in Beziehung gebracht hat. Es sind die letzten Vorbereitungen für seine beiden Projekte, die der Kurator für das Kunsthaus NRW Kornelimünster in Aachen und das Museum Marta Herford entwickelt. In seiner Recherche zu den Museen und der Auseinandersetzung mit dem Sujet des Sammelns hat er sich mit Bildern beschäftigt, die Gesten des menschlichen Körpers beinhalten wie auch vermitteln. Hiervon ausgehend hat Hanns ein Performance-Programm und eine Außenraumprojektion entwickelt, womit er die Verknüpfung von Performativität, Bild und Flüchtigkeit zu beleuchten sucht. In dem Maße, wie ihm der Dialog zu den Künstler*innen hier vor Ort wichtig ist, wird das Dialoghafte auch in seinen im Rahmen des Stipendiums umgesetzten Projekten tragend.



Sami Schlichting, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.


Am Ende eines langen Flures – vorbei an der Gemeinschaftsküche und den Wohnräumen der Stipendiat*innen – liegt das Atelier von Sami Schlichting. „Ich habe mich darauf gefreut, dass die gewohnten Wege in Düsseldorf, wo ich ansonsten lebe, wegfallen“, sagt der Künstler – um sich hier ein neues Umfeld zu erschließen und davon ausgehend neue Arbeiten zu entwickeln. Er habe bisher primär Materialien gesammelt. „Ich arbeite zurzeit an Drahtgeflechten, die wie eine Vorzeichnung für meine Arbeiten sind. Es ist mir wichtig, mir im Arbeitsprozess möglichst viel Freiraum zu lassen, um anders oder neu entscheiden zu können, in welche Richtung sich ein Objekt entwickelt“, erzählt Sami. „Materialteile, die im Prozess abfallen, wachsen an anderer Stelle wieder in das Werk hinein. Es sind Relikte ihrer Entstehung und ihres eigentlichen Umfeldes: des Ateliers.“


Atelieransicht, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.



Sarah Buckner, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.


Im Untergeschoss des Gebäudes befindet sich der Arbeitsraum von Sarah Buckner . Die Bilder, die hier im Atelier hängen oder stehen, sind bereits im Rahmen ihrer Residenz entstanden. Sarah hat sich mit Beginn des Stipendienprogramms komplett frei auf die neue Situation und den Ort eingelassen – was auch bedeutet, dass sie den Atelierraum mit verschiedenen Materialien ausgekleidet und ihn so ihren Arbeitsbedürfnissen angeglichen hat. „Ich habe mich in meinen bisher hier entstandenen Malereien sehr stark mit dem Umfeld befasst: die unmittelbare Umgebung, der nahe gelegene Kanal, auch die Erlebnisse mit den Menschen, mit denen ich hier bin. So kommen manchmal auch Hanns oder Sami in den Bildern vor. Wir sind, nachdem der Lock-down vorbei war, im Sommer viel schwimmen gegangen und haben Zeit in der Natur verbracht. Diese Situationen, die mir nah sind im gegebenen Moment, fließen in die Motive meiner Bilder ein.“

Das sind zum Beispiel die Rieselfelder Münster, die den Kanal umschließen, der den Wohn- und Arbeitsort der Stipendiat*innen mit der Innenstadt und auch mit der Kunsthalle verbindet. Auf den Wegen mit dem Fahrrad durch Wiesen und entlang von Schilf und Vogelschutzgebieten erschließen sich Blicke des weitflächigen Schauens und ruhigen Beobachtens. „Es ist gerade noch ein Ansammeln von Momenten und Dingen, von denen ausgehend die Bilder entstehen können,“ sagt Sarah – und dass hier ein besonderer Ort in einer besonderen Zeit sei.


Atelieransicht, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.



Jasmin Werner, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.


Ein Ort, der viel Freiraum ermöglicht, wie Jasmin Werner ergänzt. „Ganz grundsätzlich ist es natürlich toll, so viel Zeit zu haben, die man nur auf die eigene künstlerische Arbeit verwenden kann. Ich empfinde es auch bereichernd, mit anderen Künstler*innen, deren Arbeit ich vorher noch nicht kannte, ein neues Gespräch über Kunst beginnen zu können: andere Sichtweisen und Perspektiven zu erfahren.“ Jasmins Atelier befindet sich in der zuvor hier gewesenen Bar des Sportlerheims: Ein mit einer Fensterfront versehener großer Raum, der in den Innenhof des Geländes mündet. Da Relikte wie Theke und Tresen die Raumstruktur prägen, war dieser Atelierraum ursprünglich nicht als solcher gedacht. So hat sich die Künstlerin im Dachgeschoss in der vormaligen Sauna außerdem noch ein kleines Büro eingerichtet. „Dieser Ort hat einen eigenen, speziellen Charakter“, sagt Jasmin, „doch es gefällt mir, mit einer anderen Umgebung konfrontiert zu werden, als mit jener, die ich mir selbst zu Hause gewählt habe. Diese Raumkombination passt für mich gerade sehr gut, denn hier im großen Raum überarbeite ich nun Außenskulpturen für den Innenraum.“ Es sind zwei Baugerüstskulpturen, die das Burj Khalifa in Dubai nachahmen, ergänzt durch collagierte Bauschutznetze. In dieser Überarbeitung integriert die Künstlerin Texte und Bilder ihrer philippinischen Cousine, die – als Mann geboren, als Frau lebend – in Dubai als Friseurin in einem Herrensalon arbeitet. „Es geht dabei um Arbeitsbedingungen unter den aktuellen Covid-19-Einschränkungen, aber auch um ganz grundlegende Konflikte, die Legalität und Identität mit einschließen.“


Atelieransicht, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.



Pablo Schlumberger, Residence NRW+, Foto: Stephan Lucius Lemke.


Einige Meter über den Hof, nahe der Eingangstür zur Residence NRW+, hat Pablo Schlumberger sein Atelier in dem vorher dort untergebrachten Verwaltungsbüro, mit zum Teil ebenso darin verbliebenem Mobiliar. Die zweigeteilte Raumsituation kommt ihm, der mit verschiedenen Techniken und Medien arbeitet, hierbei entgegen: Aktuell bearbeitet er eine Serie von Unterwasserfotografien für eine Ausstellung in Hamburg und entwickelt bereits vor seinem Stipendiaten-Aufenthalt begonnene Reliefs aus Collagen und Wachs weiter. Eines der recht hoch gelegenen Fenster lenkt den Blick über das vom Gebäude flankierte Sportplatzgelände hinaus in den Himmel. Die Sichtachse, die sich hierdurch ergibt, ist ungewohnt, doch genau das gefällt Pablo daran. Er reagiere mit seiner Arbeit auf die Gegebenheiten des Ortes, durch welche für ihn auch das Atelier definiert wird. Dabei hat sowohl das Gefüge der Residenz wie auch der urbane Kontext als solcher Bedeutung: „Der Zugang zu Museen oder anderen kulturellen Institutionen in Münster und somit der Kontakt zu ihren Akteur*innen ist für uns eine entscheidende Bereicherung“, erzählt Pablo. „Man muss dabei natürlich abwägen, wie viel Zeit man dafür investiert, um primär bei der eigenen Arbeit zu bleiben. Aber es ist sehr wichtig, diese Anknüpfpunkte zu haben.“


In einer Sache sind sich alle Stipendiat*innen einig: diese besondere Zeit, wie Sarah es formulierte, konzentriert auf die eigene Arbeit verwenden zu dürfen – eigenständig, und doch im Austausch miteinander – gemeinsam.



Foto: Stephan Lucius Lemke.



Christina Irrgang besuchte die Stipendiat*innen in der Residence NRW+ am 6. Oktober 2020 in Münster. Zu diesem Zeitpunkt waren die Stipendiat*innen seit zwei Monaten vor Ort, inmitten der Corona-Krise und nahe eines zweiten Lockdowns…


Text: Christina Irrgang

Fotos: Stephan Lucius Lemke