Lisa Tracy Michalik

Literatur
plus eins
2025

Lisa Tracy Michalik

Auszug aus dem Roman: Mutter Wasser Kind

Ich bin in einer riesigen Stadt am Atlantik. Sie ist umgeben von
grünen Bergen. Mein Kopf ist voller Fragen. Einige von ihnen sind
zeitweise in Vergessenheit geraten, andere drängen sich mit dem
Elan der jüngsten Vergangenheit auf. An einer kleinen Bucht
heimgesucht von sanften Wellen, die rhythmisch den feinen gelben
Sand mit tausend blauen Zungen lecken, will ich ein Gegenmittel zu
meiner Anspannung finden. Abtauchen. Zehn Tage lang nicht
registriert werden von den gierigen Augen derer, deren Sprache ich
teile. An dieser kleinen Bucht ist die einzige Arbeit die an der
Bräune. Schweiß und Sonnencreme fließen und vermengen sich, um
Buchseiten zu verkleben. Jedes Buch, das mit an den Strand kommt,
wird ein wenig verquollen, ein wenig eingefettet sein. In ein paar
Monaten, wenn ich längst wieder zurück in Deutschland bin, werden
vereinzelte Sandkörner aus den Tiefen des gebrochenen Buchrückens
rieseln und mich an diese Zeit erinnern.
Der Praia Vermelha ist nicht explizit ein Gay Beach, er zieht die
unterschiedlichsten Menschen und kaum Tourist*innen an – bis auf
mich. Trotz des Namens ist der Sand nicht rot, sondern gelb. Hier
kann ich bestens Zeit alleine verbringen. Der Strand liegt zentral
genug, dass ich ihn gut erreichen kann. Und ist klein genug, dass
dort spontane communitas entstehen. Bei jedem Besuch habe ich eine
neue Bekanntschaft mit der Person oder den Personen gemacht, die
ich in geb roc hen em Portugiesisch darum gebeten habe, auf meine
Tasche aufzupassen. Ich bin erst seit drei Tagen hier, doch jeden
davon war ich an der Praia Vermelha. So fühlt es sich an, als
würde ich zu den Cariocas, den Menschen Rio de Janeiros gehören,
die regelmäßig hierhinkommen. Der Gedanke gefällt mir. Zwischen
ihnen kann ich völlig untergehen, solange ich meinen Mund nicht
öffne und mein geb roc hen es Portugiesisch mich verrät.
Einfach eine weitere Person am Strand. Niemand weiß, warum ich
hier bin. Früher wurden mein Vater und ich oft gefragt, ob wir aus
Brasilien kämen, er mit seinen tiefschwarzen welligen Haaren und
ich mit meinem Babyafro, meine kleine Hand in seiner großen. Sein
Vorschlag, gemeinsam nach Rio zu reisen ist sein Versuch, an diese
lang vergangene Zeit anzuknüpfen. Wiederbegegnung an einem Ort,
der weder sein noch mein Zuhause ist. Neutrales Territorium.
Weißt du noch, als die Verkäuferin bei Schlecker gefragt hat, ob
wir aus Brasilien sind?
Die Erinnerungen, die uns verbinden, hängen an einem seidenen
Faden, der stets zu reißen droht. Sie sind so alt, dass es in
ihnen noch Schlecker gab, Lula da Silva zum ersten Mal Präsident
war und ich so jung, dass ich mit dieser Information nichts hätte
anfangen können. Seither sind keine neuen gemeinsamen Erinnerungen
hinzugekommen. Bis jetzt.
Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Diese Frage schlägt mit
der Gleichmäßigkeit der Gezeiten an mein Bewusstsein, wie die
Wellen an den Strand.
Was zur Hölle?
Was zur Hölle?
Was zur Hölle?

Heute ist es besonders heiß, die Hitze flimmert über dem Asphalt
des Parkplatzes und weicht die schwarzen Flicken auf, so dass man
besser nicht in Flip Flops darüber läuft. Familien mit
vollbepackten Kinderwägen, Kühltruhen und Sonnenschirmen pilgern
in Richtung des verführerisch glitzernden Meers. So müssen wir
früher auch ausgesehen haben auf dem Weg zum Badesee, meine
Mutter, mein Vater und ich, nur dass wir aus der Menge an
großteils weißen Familien herausstachen.
An der Promenade treffe ich Marielle, mit einer Hand fächert sie
sich träge etwas Luft zu, mit der anderen stützt sie sich auf
ihrem bunten Wagen ab, in dem sie gekühlte Kokosnüsse aufbewahrt.
Ich winke ihr schon von Weitem zu, sie erwidert den Gruß mit einem Schwenken ihres großen Säbels, mit dem sie Trinköffnungen in die
harten Schalen hackt. An ihrem Wagen prangt ein großes Banner mit
einem Foto von ihr, auf dem sie grinsend mit dem Säbel posiert.
Dabei sitzt sie auf einem Berg aus grünen Kokosnüssen.
Está muito calor hoje. Ich habe mir den Satz auf den Lippen
zurechtgelegt, damit er locker fließen kann, anstatt auf dem Weg
vom Hirn über die Zunge zu stolpern und aus dem Mund zu taumeln.
Muito. O calor deixa as pessoas loucas. Quer um coco?
Sie sagt, dass sie mir eine besonders schöne aussucht, eine schöne
Kokosnuss für eine schöne Frau. Eine vereinzelte silberne Strähne
in ihrem Afro funkelt in der Sonne und hypnotisiert mich. Auf
ihrer Stirn glitzert ein dünner Film aus Schweiß. Mein Mund ist
trocken. Ich stelle mir vor, wie das kühle, leicht süßliche
Kokoswasser in großen Schlücken meine Kehle herunterläuft und die
Zellen meines Körpers hydriert. Es löst etwas in mir aus, dass
diese große Frau mit großem Afro und großem Säbel mir ein
Kompliment macht – auch wenn es vermutlich Teil einer charmanten
Verkaufsroutine ist. Sie zieht eine grüne Frucht aus dem Wagen,
das Kondensationswasser formiert sich in kleinen Perlen. Marielle
wiegt die Kokosnuss auf- und ab und versetzt ihr mit dem Säbel
einen gezielten Hieb. An ihren Armen zeichnen sich dabei die
Muskeln ab. Ein Stück grüne Schale fliegt durch die Luft. Noch ein
Hieb und noch einer und noch einer, bis eine perfekte Öffnung
entsteht. Sie schiebt einen grünen Strohhalm hinein und reicht mir
die Frucht, ganz kurz streift ihre Hand meine. Es hat etwas
Feierliches, wie die Übergabe eines wertvollen Gegenstandes. Zum
Abschied gibt sie mir ein Lächeln mit, bei dem die kleine Lücke
zwischen ihren Vorderzähnen aufblitzt.
Marielle ist ein weiterer Grund, warum ich heute zum dritten Mal
in Folge an diesen Strand gekommen bin. Die Melodie ihrer Rufe,
mit denen sie ihr Kokoswasser bewirbt, hat sich als Ohrwurm tief
in meinen Gehörgang eingegraben. Coco! Água de coco fresca! Gelada
e refrescante! Coco! Água de coco fresca! Kokosnuss für Kokosnuss
supporte ich Black women owned businesses.

Der Roman MUTTER WASSER KIND erscheint im Frühjahr 2027 bei pola. Wir danken dem Verlag und der Autorin für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung. © Lisa Tracy Michalik

Foto: Bozica Babic
Foto: Bozica Babic

Lisa Tracy Michalik
ist Autorin und Mitgründerin/Herausgeberin von "defrag zine". Sie schreibt Prosa, Lyrik und Drehbücher. Ihre Texte sind u.a. in "Sisters and Souls 2" (Orlanda), "Parabolis Virtualis 3" (Querverlag) oder in "In Liebe von" (Shift Books) zu finden, und sie ist Teil des Writers Room der Serie "Schwarze Früchte" von Lamin Leroy Gibba (ARD Mediathek). Sie ist Trägerin des Publikumspreises des Kölner Förderpreises für junge Literatur 2024 und erhielt das Förderstipendium Literatur der Landeshauptstadt Düsseldorf 2025. Derzeit arbeitet sie an ihren Debütroman.

Foto: Carolin Saage
Foto: Carolin Saage

Olivia Wenzel
lebt in Berlin und ist Kulturwissenschaftlerin, Musikerin, Performerin und Autorin. Ihre Stücke wurden an zahlreichen Theatern gespielt, 2020 erschien ihr preisgekrönter Roman "1000 Serpentinen Angst" (S.Fischer), der in etliche Sprachen übersetzt wurde und es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte.
Neben dem Schreiben gibt sie Workshops für junge Erwachsene, wirkt in diversen Jurys mit und realisiert transdisziplinäre Formate – etwa "Dark Light Dark" im
Center for Literature oder zuletzt "Floating Mocambo" am Berliner HKW.

Literatur

Mit ihrer Literaturförderung unterstützt die Kunststiftung NRW die Produktion, Vermittlung und Präsentation literarischer Werke von hoher Qualität in und aus NRW.

Durch Arbeits- und Recherchestipendien, die Förderung von Publikationen und Editionen, Literaturfestivals, Lesereihen und besonderen literarischen Vorhaben bieten wir der Literaturlandschaft Nordrhein-Westfalens eine breitgefächerte Unterstützung, die die Vielfalt des literarischen Lebens vor Ort stärkt und sichtbar macht und über die Grenzen des Landes hinausträgt. Ein Schwerpunkt liegt dabei im Bereich der literarischen Übersetzung, mit dem Anspruch, den internationalen Kulturtransfer zu befördern und mit neuen Akzenten zu versehen.

  • Förderung

    • Allgemeine Vorhaben
    • Stipendien
    • plus eins

      plus eins verbindet die Idee eines Masterclass-Programms mit konkret-bedürfnisorientierter Individualförderung.

      • Literatur
        Antragsverfahren
        plus eins

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      • Literatur
        plus eins
        2025
        Esra Canpalat (Mentee)
        Martina Wunderer (Mentorin)

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      • Literatur
        plus eins
        2025
        Pedro Goncalves Crescenti (Mentee)
        Hendrik Otremba (Mentor)

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      • Literatur
        plus eins
        2025
        Miedya Mahmod (Mentee)
        Daniela Seel (Mentorin)

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      • Literatur
        plus eins
        2025
        Lisa Tracy Michalik (Mentee)
        Olivia Wenzel (Mentorin)

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    • Residenzen
      • Atelier Galata, Istanbul

        Wir vergeben ein Residenzstipendium im Bereich Literatur in Istanbul.

        Die Ausschreibung richtet sich an professionelle Autor:innen mit Lebensmittelpunkt in Nordrhein-Westfalen, die bereits öffentliche Anerkennung erfahren haben und mindestens eine literarische Veröffentlichung vorweisen können – wahlweise in Buchform (Selbstverlag ausgeschlossen) oder in überregional relevanten Zeitschriften oder Anthologien. Bei Bewerber:innen aus dem performativen Bereich zählen auch entsprechende Auftritte/Inszenierungen in etablierten Kontexten. Sollten Sie aus dem Bereich Veranstaltungskuration stammen, bitten wir um eine vorherige Kontaktaufnahme (beratungLIT@kunststiftungnrw.de). Die Ausschreibung ist nicht alterslimitiert.
         

      • Jan van Eyck Academie, Maastricht

        Die Kunststiftung NRW hat ein neues, zweimonatiges Residenzstipendium an der Jan van Eyck Academie, Maastricht, eingerichtet.

        Das zweimonatige Aufenthaltsstipendium soll es Autor:innen ermöglichen, konzentriert an einem Projekt zu arbeiten und zugleich vom Angebot der renommierten Jan van Eyck Academie zu profitieren. Hierbei geht es explizit auch darum, die Möglichkeit des Austausches mit den anderen (internationalen) Residents aus sämtlichen Kunstformen zu nutzen.
        Die Ausschreibung ist nicht alterslimitiert. Sie richtet sich an professionelle Autor:innen mit Lebensmittelpunkt in Nordrhein-Westfalen, die bereits öffentliche Anerkennung erfahren haben und erste literarische Veröffentlichungen vorweisen können. Wünschenswert ist ein Interesse an transmedialen Verfahrensweisen oder auch ein Grenzgängertum zwischen den literarischen Formen und Ausdrucksweisen.

        • Literatur
          Antragsverfahren
          Jan van Eyck Academie, Maastricht

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        • Residenzstipendium
          Jan van Eyck Academie, Maastricht 2025
          Jennifer Eckert

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    • Förderbeispiele
  • Stiftungsinitiativen
    • Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW

      Mit diesem Preis zeichnen wir herausragende literarische Übersetzungen und das Lebenswerk der Übersetzenden aus.

      In der Überzeugung, dass nur gelungene Übersetzungen literarischer Texte die Begegnung mit Weltliteratur, die Einfühlung in das Fremde und einen internationalen Kulturtransfer ermöglichen, hat die Kunststiftung NRW 2001 in Kooperation mit dem Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen den mit 25.000 Euro dotierten Straelener Übersetzerpreis ins Leben gerufen.

      Er zeichnet neben einer herausragenden literarischen Übersetzung zugleich das Lebenswerk der Übersetzenden aus und gehört zu den höchstdotierten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum. Seit 2012 vergeben wir zusätzlich einen Förderpreis in Höhe von 5.000 Euro.
       

    • Straelener Atriumsgespräche der Kunststiftung NRW

      Wir fördern Werkstattgespräche zwischen Autor:innen und ihren internationalen Übersetzer:innen.

      Im Rahmen der internationalen Veranstaltungsreihe Straelener Atriumsgespräche – initiiert von der Kunststiftung NRW und dem Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen – arbeiten zweimal jährlich herausragende deutschsprachige Autor:innen über mehrere Tage mit ihren ausländischen Übersetzer:innen an aktuellen Werken.

      Die Kunststiftung NRW unterstützt mit diesem beispielgebenden Projekt die künstlerische Arbeit der Literaturübersetzer:innen und trägt dazu bei, Fehler und Missverständnisse im Sprach- und Kulturtransfer zu vermeiden. Die Rezeption deutschsprachiger Literatur im Ausland wird damit gefördert und die Qualität übersetzter Literatur generell gesteigert.

      Weitere Informationen www.euk-straelen.de
       

    • Thomas-Kling-Poetikdozentur

      Wir berufen namhafte Autor:innen und Übersetzer:innen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur als Gastdozent:innen an die Universität Bonn.

      Als besonderes Förderprojekt wurde im Jahr 2011 die Thomas-Kling-Poetikdozentur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn eingerichtet. Namhafte Autor:innen und Übersetzer:innen werden mit einem Stipendium ausgestattet, das ihnen eigene Lehrveranstaltungen ermöglicht. Die Auswahl treffen Vertreter:innen der Kunststiftung NRW und der Universität Bonn. Mit dieser spezifischen Autorenförderung wird eine Brücke zwischen Wissenschaft und Literatur geschlagen. Die Studierenden können nicht nur Einblick in eine künstlerische Schreibwerkstatt nehmen, sondern sich auch mit der ästhetischen Theorie lebender Autor:innen wissenschaftlich auseinandersetzen.

      Der Lyriker und Essayist Thomas Kling (1957-2005), nachdem die Dozentur benannt ist, war eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschsprachigen Dichtern seiner Generation, ein Meister der sprachlichen Inszenierung. Beeinflusst von Autoren wie H. C. Artmann, Ernst Jandl und Paul Celan schuf er ein poetisches Werk, mit dem er maßgeblichen Einfluss auf die deutschsprachige Lyrik nach 1990 nahm: Klings Gedichtbände waren wegweisend für seine Zeitgenossen, ebenso seine spektakulären Auftritte. Thomas Kling war im Rheinland verwurzelt. Seinem radikalen Geist und seinem kompromisslosen Künstlertum fühlt sich die Kunststiftung NRW in besonderer Weise verpflichtet. Seit Klings frühem Tod im Jahr 2005 helfen wir, sein Erbe zu bewahren, und unterstützten Aktivitäten des Thomas-Kling-Archivs auf der Raketenstation Stiftung Insel Hombroich. 2015 erschien die Höredition "Die gebrannte Performance" in der Schriftenreihe Literatur der Kunststiftung. 2020 wurde die große vierbändige Thomas-Kling-Werkausgabe im Suhrkamp Verlag mit Mitteln der Kunststiftung NRW ermöglicht.
       

    • Publikationen
      • Schriftenreihe Literatur

        In ihrer Schriftenreihe Literatur stellt die Kunststiftung NRW Autor:innen des Landes vor und bietet einen Publikationsort auch für ausgefallene literarische Vorhaben, die unmittelbar aus Förderprojekten der Stiftung hervorgehen. Sie dokumentiert herausragende, von der Stiftung initiierte literarische Vorhaben und verleiht der Literaturszene NRW Sichtbarkeit.